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Auf dem Turm des Sekretärs

, 4. September 2018
Die Kommende Bastelei in der Villa Schandfleck

Die nachfolgende Geschichte stammt vom Wahl-Wehringhausener Louis Fabu und wurde zuerst auf dem Blog der Kommenden Bastelei veröffentlicht. Dort wird sie auch fortgesetzt werden.

Dies ist der erste Teil einer Geschichte über eine vorstellbare, aber fiktive Zukunft von Wehringhausen. Inspiriert wurde sie vom Roman „Walkaway“ von Cory Doctorow, einer optimistischen Katastrophengeschichte wie sie der Autor selbst bezeichnet. Ich kann sie nur empfehlen. Dort kann auch einiges über die Idee der Bastelei gelernt werden. Das zweite (erste wesentliche) Kapitel gibt es bei Youtube in einer Lesung des Autors zu sehen und zu hören. Wer das Buch haben möchte: Walkaway: Roman (Gesponsorter Link von Amazon, Erlös geht an den Autor dieses Artikels – das Buch gibt es natürlich auch anderswo, etwa im stationären Buchhandel).

Meine Geschichte fängt wie folgt an:

 

Kapitel 1: Auf dem Turm des Sekretärs

Der Himmel hatte die Farbe der Zukunft. Mensch sah sie nur bei Nacht. Fabu stand auf dem Turm des Sekretärs. Er dachte wieder einmal über all die Dinge nach, die passiert waren und wohl noch passieren würden. Wie es dazu gekommen war, dass der Turm auf dem er stand nun nicht mehr der Bismarckturm – ein Andenken an einen vielleicht historisch irgendwie nützlichen aber ansonsten eher ekligen Typen – war. Er blickte über das, was in der Vergangenheit die Stadt gewesen war und es nun irgendwie weiterhin war. Doch viel näher; direkt unter ihm war immer noch Wehringhausen.

Er war von ganz unten hochgestiegen. Genauer gesagt war er von der anderen Flussseite; vom Kuhlerkamp herübergelaufen. Fabu hätte nicht laufen müssen – es gab genug elektrisch aufgemotzte Tretmühlen die er hätte benutzen können. Die Eselei an der Langen Straße hatte riesige Vorräte an alten Fahrrädern, Tretrollern, Mofas und allem möglichen Anderen, aus denen sie krasse Gefährte bastelten. Mit so viel dicken Boxen und bunten Lichtern wie mensch sich nur wünschen bzw. die Anderen auf der Straße zu tolerieren bereit waren und teilweise mit lustigen Extras wie Kaffeemaschinen oder eingebauten Kochern. Eine Reise bis zum Meer oder bis ins hinterletzte Sauerland, wo sie mittlerweile auch recht passables Ott, Marmelade, Honig und alles andere kultivierten, was mit so viel grünen Hängen und Wasser bloß zu zaubern war, war damit ein Kinderspiel – zumindest im Sommer – soweit bei dem ganzen Klimawandel manchmal noch normale Jahreszeiten zu erkennen waren. Fabu aber hatte die Nachtluft und den Duft der Pflanzen in den Hainen am Hang genießen wollen und so war er im Zickzack zwischen den Beeten und Stöcken den Hang hinab gestiegen und über die Brücke gegangen.

Er war auf einer Party in Rotbarts Weingärten gewesen. Es waren zwar nicht seine Weingärten; sie halfen alle mit die Trauben und alles andere zu pflegen und zu keltern; aber er war der erste gewesen. Er hatte schon dort gewohnt als es der Hang noch ein Wohngebiet war. Mittlerweile waren die Häuser von den Schissern aufgegeben worden, sie waren der Urbanisierung hinterhergehetzt und wohnten mittlerweile wohl in irgendwelchen Schachteln irgendwo im Megaplex der sich jenseits von Hagen bis nach hinter Moers erstreckte. Sie hatten die hässlichen Schachteln abgerissen und nur alles aus gutem, alten Backstein und die weirde Kirche stehen lassen. Nun tanzten sie in den Kellern unter den Gärten und in den Kellern unter den Kellern, die sie selbst angelegt hatten. Im Sommer tanzten sie zu ausgewählten Gelegenheiten auch in den Gärten aber auf Dauer war das allen einfach zu laut. Außerdem wollten sie den guten Boden nicht zu sehr verdichten, das schadete den Pflanzen.

Zum Bismarckturm allerdings hatte er den Hangbus genommen, der von einem Kabel gezogen auf Gleisen, die sie nachts aus der großen Straße im Tal gebrochen hatten, die ganze Pelmkestraße hinauf bis fast zum Fuße des Turms fuhr. Die Gleise lagen dort seit die Idioten die alte Straßenbahn eingestampt hatten weil es von ihrem Standpunkt aus ja viel vernüntiger war, alleine in anderthalb Tonnen Panzerwagen angetrieben durch die Explosion von verflüssigten, Millionen Jahre alten Dinosaurierknochen in einer Wolke giftiger Abgase durch die Stadt zu donnern. Nicht. Der Hangbus wurden im wesentlichen von einem Gegengewicht, einem Wagen mit einem Tank voller Wasser hochgezogen, der oben am Hang gefüllt wurde bis er schwer genug war den unteren Wagen voller Passagiere nach oben zu ziehen. Unten wurde er in ein Reservoir geleert mit dem die Leute vom grünen Stern die vielen Pflanzen gossen. Danach wurde der leere Tank durch das Gewicht des Passagierwagens wieder hochgezogen und alles begann von vorne. Den Rest erledigte eine Wirbelstrombremse an der Aufhängung oben am Turm, die auch noch weiteren Strom erzeugte. Keine Dinosaurier waren beim Transport von Fabu verletzt (bzw. verbrannt) worden. Die Schisser waren echt einfallslose, narzisstische Idioten.

Selbst von hier hörte er noch den Bass, der aus den Hallen unter dem Berg den Weg an die Luft fand. Nahezu ohne Unterlass tanzten sie dort; Bier, Wein, Kraut und nicht zuletzt geiles Futter – Kniften mit Margarine und Hummus aus grünen Erbsen belegt mit veganem Gouda – gab es hier ja zum Glück genug. Fabu hatte keine Ahnung womit genau – Sonnenblumenöl, Nüsse – sie den Kram mittlerweile hinfermentierten ohne einem Kalb die Milch zu klauen aber es war das richtig gute Zeug. Und erst das Dope. Der Rotbart hatte immer schon ein Händchen dafür gehabt und Andere hatten ihm nachgeeifert. Wahlweise flackerten einem bunte Farben vor den Augen, mensch halluzinierte die Reise zum Pluto oder diejenigen, die einen ihr eigen nannten hatten Ständer, die sie auch ohne Liebe zu machen beseelt Grinsen ließen. Fast konnte der Hedonismus einem Sorgen machen aber nein, zu viel Spaß war weiterhin ihr geringstes Problem und wenigstens waren sie das unsägliche Tanzpulver losgeworden das in den sogenannten Metropolen das gängige Mittel der repressiven Entsublimierung war. Den Benzingeruch dieser Leute hatte er schon immer eklig gefunden

Viel war passiert in den Zeiten in denen sich das vollzogen hatte, was die meisten mittlerweile das Chisma nannten – wahlweise auch die große Scheisse, die Gesamtscheiße oder die Pathetischsten das Ende der Welt. Nun gab es die Menschen, die weiterhin nach den alten Dingen; der alten Ordnung strebten. Schisser nannten sie sie. Dann gab es diejenigen, die sich aufgemacht hatten, ihren Leben eine andere Richtung zu geben; vor allem hier in Wehringhausen.

Auf der alten Hauptstraße am Fluß waren wenig von den Panzern der Schisser unterwegs. Sie waren weiterhin immer größer und lauter und schwerer geworden weil die Leute, die sie weiterhin besaßen große Furcht hatten, dass sie gestohlen wurden. Mittlerweile hatten einige auch Sicherheitsdrohnen und elektrifizierbare Karosserien und andere Scheisse.

Was war genau passiert? Nun, das war eine schwierige Frage und er konnte sie auch nur insofern beantworten, als es diese Stadt und das erweiterte Umland betraf, in dem er sich herumtrieb. Sicher, im Netz konnte man Nachrichten aus aller Welt bekommen und es zeigte sich, dass es an vielen Orten so ähnlich und leider oft schlimmer gelaufen war.

Vom ehemaligen Weltraumbahnhof in Kourou gab es wenige, aber sehr interessante Berichte. Selbst einige der aus Wehringhausen waren dorthin aufgebrochen und gemunkelt wurde, dass auch derjenige, den sie den Sekretär nannten oder zumindest jemand, der sich als der Sekretär ausgab dort gesehen worden war. Fabu hatte Anleitungen und Erfahrungsberichte von der Herstellung sehr langer Seile gesehen. Anscheinend hatte zehn Jahre keiner mehr gelacht und sie wollten den Aufzug bauen.







Autor_in:
Louis Fabu wurde in Haspe geboren, ist in Gevelsberg aufgewachsen, hat in Düsseldorf studiert und lebt nun in seinem Zuhause in Wehringhausen im Exil. Er ist als der Sekretär der Kommenden Bastelei in Sachen der Zukunft tätig. Seine Lieblingsfarbe ist Gelb.