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Hilfsbereitschaft ist auch ansteckend.

, 15. März 2020

In der gruseligen Kurzgeschichte „Die Maske des roten Todes“ erzählt Edgar Allan Poe von einem apokalyptischen Maskenball einer Gesellschaft reicher, selbstsüchtiger Menschen der schließlich durch das Eindringen des roten Todes, der Seuche, beendet wird. Prophetisch werden die sagen, die sich gerade selbst am nächsten sind und sich an der Supermarktkasse um Arschpappe kloppen. Denn so ist es nicht.

Die Sonne scheint auf den Goldberg, das Ziffernblatt der Pauluskirche leuchtet und zeigt wie immer die falsche Zeit. In Wehringhausen ist bekannt was Fantasie ist (wovon wir viel haben) und was Realität (womit wir schon immer irgendwie zurecht gekommen sind).

Der Autor John König bezeichnet mit dem Kunstwort Lachesismus das Gefühl des Verlangens nach der Klarheit einer Katastrophe. Das Wort steht in seinem „Dictionary of obscure sorrows“ womit also klar ist, dass es kein Zeichen von Ausgeglichenheit ist, sich nach Unglück zu sehnen oder es gar herbeireden zu wollen nur, damit mensch vermeintlich wissen kann was zu tun sei. Dennoch ist es richtig, dass es wir in Krisensituationen zu großer innerer Ruhe finden und selbst große Anstrengungen leicht zu bewältigen sind, wenn alle sich einig sind, was zu tun ist.

In einem anderen sehr guten Buch, dem – wie der Autor es ausdrückt – optimistischen Katastrophenroman „Walkaway“ von Cory Doctorow, werden zwei Weisen unterschieden, wie Menschen reagieren wenn sie beispielsweise eine Flut über die Stadt hereinbricht.

Reis mit Scheiß

Viele – und das ist der Bezug zur Wirklichkeit, den die Fantasie manchmal in schöner Weise findet – werden vor der Tür der Nachbarn stehen mit einem Topf Linsenuppe, Reis mit Scheiß oder Nudeln mit Soße. Der Klassiker halt wenn klar ist, dass alle mit den gleichen Dingen zu kämpfen haben.

Nur einige wenige Bedauerliche stehen mit der Schrotflinte in der Hand auf der Matte. Wir wollen niemanden angucken, ihr echten Gangster. Aber in der Weltgeschichte hat das die Mehrheit selten davon abgehalten, füreinander einzustehen.

Die Ausnahmen sind furchtbar aber wir kennen sie genau. Denn wie uns die ein oder andere Ommma im Viertel sicher auch noch berichten kann, hat man in nem Rübenwinter echt besseres zu tun, als sich an die Kehle zu gehen, wenn man keine Pfeife ist.

Tatsächlich gibt uns die ausgesetzte Normalität auch die wichtige Chance, uns umeinander zu kümmern weil die beisswütige Bestie, das Schweinesystem, hustet und zittert und seinen Griff um den Planeten lockert. Die Flugzeuge werden wohl landen müssen, die Kreuzfahrtschiffe legen an und der Chef hat Angst, dass man zur Arbeit kommt. Eigentlich auch ein Wunder.

Andere Orte

Michel Foucault, jemand der sehr viel über Ausnahmesituationen nachgedacht hat, beschreibt in einem sehr schönen Radiovortrag ein ziemlich geniales Kulturphänomen, die sogenannten Heterotopien (griechisch: andere Orte). Eine Kultur oder eine Gemeinschaft kann Orte und Zeiten aus der Normalität herausstellen und verwandeln. Die Ordnung ist außer Kraft und ein andere tritt an ihre Stelle.

Cool und edgy wie Foucault war, ging es ihm dabei dann hauptsächlich um die Fälle, in denen das Ganze aufgrund von Krisen passiert oder die Veränderung selber die Krise ist. Das Gefängnis, die Psychatrie, das Flüchtlingscamp, der bewaffnete Aufstand und die Plünderung sind andere Orte, aber auch – und damit können wir uns hervorragend beschäftigen – so etwas wie die Zeit zwischen den Jahren, das Krankenbett mit Buch, das Bett im Allgemeinen dieser wunderbare Ort, der Turm im Wald auf dem Berg mit der ganzen Stadt darunter, der Tanzboden in der Küche an einem Tag, wo mensch das Haus nicht verlassen will und zuletzt auch die guten virtuellen Räume abseits des Zuckerbergs oder des Menschenwischens, in denen einem die fernen Freund*innen näher sein können.

Es sind andere Orte, die die Möglichkeit kleiner Utopien eröffnen, die im besten Fall den Rest von Raum und Zeit mitverwandeln.

my love, my ruin

Es gibt also – wie sollte es anders (badum tss) sein – auf der Welt und in dieser Situation, an der Schnodderseuche des Todes, an Corinna und auch dem ollen Namen dafür viel Schlechtes, aber das ist nicht zu ändern, nur zu ertragen.

Die Pelmke is auf Sparflamme (bitte immer einen Hocker freilassen), Babylon ist abgesagt, globale Langeweile, alles storno, das Internet möchte einem Panik einreden und dann gibt es ja auch noch tatsächliche Ommmas und Leute ohne die Konstitution von Bergmännern, denen niemand eine Lungenentzündung wünscht.

Es gibt aber auch – und hier sind wir klar im Vorteil – die Möglichkeit der Utopie. Wir könnten uns unten am ALDI um die Arschpappe kloppen, aber wir sind in Wehringhausen my love, my ruin, der Kiez in der Stadt ohne Kieze, wo die Loner auf ihre Chance lauern und Leute schon irgendwann mal Rockstars geworden sein sollen.

Neue Kuschel Welle

Unter #CareRevolution versteht man übrigens die Idee von attraktiv alternativen Sozialaktivist*innen, dass die politische Beschäftigung mit dem sich Kümmern um Andere und vielleicht auch mal so richtig um die Verhältnisse das nächste Große Ding sein könnte. Neue Kuschel Welle oder so. Könnte gut werden.

Lasst uns doch also vielleicht wie immer das Beste aus der ganzen Geschichte machen. Alle einmal tief durchatmen und vielleicht auch nochmal kurz unseren Codex lesen.

Die Jüngeren gehen bitte für die Älteren einkaufen – in Maßen (der Krieg is vorbei), alle immer schön Hände waschen (Anleitung hat Google für die ganz hartgesottenen Krusten) und leider vielleicht – ich weiß, es fällt schwer –mal eine Weile das Bett nur in der Wohnung, nicht im Viertel wechseln. Die anderen verschwinden ja nicht. Wir sind alle kleine Widerstandszellen. Jemand könnte mal Zigarettenspitzen organisieren damit wir uns die nächsten Wochen dann vielleicht doch mal wieder ne Spaßzigarette teilen können, aber bitte sowieso und erst recht nicht ausarten. Den Goldberg hochklettern macht auch high. #Achtsamkeit und so.

Hausmusik

Die lieben Musikgött*innen gehen bitte ordentlich gewaschen und mit Hygieneabstand in ihre Proberäume und dann bitte die Mikrofone ordentlich einstellen damit in der Küche gute Musik läuft. Wie die Spielkinder von Deichkind so schön sagen: „Die Netzwerke sind scharf gestellt in unseren Wgs. [..] Illegale, radikale, digitale Fans.“ Die Links sind in den Kommentaren hervorragend aufgehoben. Dieser Text ist begleitet worden durch einen sehr brauchbaren DJ und Zeltnachbarn. Die Clubs in Berlin wollen ja jetzt ihr Programm streamen liebe Pelmke. Challenge accepted?

Uns braucht auch nicht langweilig werden. Vielleicht noch ein paar mehr Utopien. Statt ins Kino gibt es auch so viele gute Filme auch über Heterotopien. Man könnte sogar – irre Idee – im Chor singen. Hausmusik und so. In manchen Gegenden sollen Leute ja derzeit gemeinsam auf den Balkonen singen. Quatsch kann man auch machen, zum Beispiel anarchistische Kleinkünstler überreden ihre Tierfilme online zu stellen.

Und dann stellt sich ja am Ende auch die Frage was wir mit den Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen machen wenn der Planet wieder gesund werden soll. Vielleicht stellen wir ja fest, dass wir auch ohne Schnupfen vieles so machen sollten, wie wir es jetzt die Chance haben zu üben.




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Autor_in:
Louis Fabu wurde in Haspe geboren, ist in Gevelsberg aufgewachsen, hat in Düsseldorf studiert und lebt nun in seinem Zuhause in Wehringhausen im Exil. Er ist als der Sekretär der Kommenden Bastelei in Sachen der Zukunft tätig. Seine Lieblingsfarbe ist Gelb.