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089wehringhausen – Vom Designprojekt zum multimedialen journalistischen Stadtteilmedium
Dieser Text wird unregelmäßig fortgesetzt.
Letztes Update: 20. Juli 2020
Codex-basiert und vielfach gefördert
„Wehringhausen – Das Vielviertel“ – unter diesem Namen wurde im zweiten Halbjahr 2017 ein Stadtteilprojekt des Kulturzentrum Pelmke e.V. im Hagener Stadtteil Wehringhausen durchgeführt. Projektverantwortlich war die Wehringhauser Grafikagentur „a design collective – Florian Backhaus und Sebastian Klebe GbR“.
Ziel von „Wehringhausen – Das Vielviertel“ war „die Entwicklung eines visuellen Erscheinungsbildes zur Innen- und Außendarstellung des Stadtteils Hagen-Wehringhausen“ und darauf aufbauend die „Realisierung einer Quartierswebsite und begleitender Info- und Werbemaßnahmen“.
Das Projekt wurde durch das Förderprogramm „Kreativ.Quartiere Ruhr“ des Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen mit Unterstützung durch das „european center for creative economy (e.c.c.e.)“ finanziert.
Als philosophische Basis des Förderantrags fand insbesondere der „Wehringhausen-Codex“ Verwendung. Dieser war Anfang 2017 von einer Arbeitsgruppe entwickelt worden, die sich im Rahmen einer Stadtteilkonferenz gebildet hatte. Die Ausformulierung erfolgte ebenfalls durch „a design collective“, die im Auftrag der „Händler- und Handwerkergemeinschaft Wir in Wehringhausen e.V.“ eine durch das Programm „Soziale Stadt“ finanzierte Druckversion des „Wehringhausen Codex“ produzierte.
(Kein) Stadtteilmarketing
Das Projekt „Wehringhausen – Das Vielviertel“ sollte, so der Projektantrag, „kein Konzept für ein Stadtteil-Marketing im klassischen Sinne“ entwickeln. Vielmehr sollten „die Ideale, die den Ruf des Viertels begründet haben, von Initiativen und Akteuren in Wehringhausen neu verhandelt und fest formuliert werden.“ So entstünde „ein Wertekanon,
der die Grundlage für eine ‚Corporate Identity‘ bilden und den Maßnahmenplanungen auf allen Ebenen als Orientierungshilfe dienen“ könne.
Erste Maßnahme zur Erreichung dieses Ziels sollte die Erstellung einer Website sein. Diese sollte „aus zwei gleichwertigen Komponenten bestehen“, nämlich „1. einem möglichst umfangreichen Verzeichnis der Adressen und Ansprechpartner für Gruppen und Initiativen, für Einzelhandel und Gastronomie, für Schulen, Kindergärten und Sportvereinen, für Kultureinrichtungen und alles weitere im Viertel“ sowie „2. einem Online-Magazin für und aus Wehringhausen, in dem Akteure beispielsweise Veranstaltungen mitteilen, Artikel schreiben oder Rubriken bedienen können.“ Für das Online-Magazin sollte „der Weg für eine ‚Stadtteil-Redaktion‘ bereitet werden, die das Projekt nach der Förderung selbstständig betreuen kann.“
Insgesamt sollte das Projekt in sechs Phasen ablaufen: 1. dem Entwurf des visuellen Erscheinungsbildes für das Viertel, 2. eine Teilumsetzung der Internetseite, 3. die Erstellung von Werbematerialien für das Projekt und 4. eine für sechs Monate (mit ca. einem Arbeitstag pro Monat) finanzierte redaktionelle Betreuung der Internetseite bzw. Anleitung der „Stadtteil-Redaktion“. In einer anschließenden 5. Phase solle sich die Website nach Ablauf der Förderung durch „eine kostenpflichtige Nutzung des Index-Portals für privatwirtschaftliche Unternehmen“ oder den „Verkauf von Wehringhausen-Artikeln“ selbst tragen. Eine 6. Phase sollte dann schließlich „Zukunftsmusik“ in Form weiterer (geförderter) Werbemaßnahmen für das Viertel sein.
Gesagt, getan, begann nach erteiltem Förderbescheid durch das Programm „Kreativ.Quartiere Ruhr“ von Mai bis Juli 2017 die Gestaltung und Umsetzung eines „Erscheinungsbildes“ für Wehringhausen (später „Toolbox“ genannt). Dieses beinhaltete die Entwicklung einer Wort- / Bildmarke (das Herz-Logo), eines Farb- und Schriftsystems, einer „allgemeinen Formsprache“ sowie der Erstellung von mehreren Illustrationen.
Die redaktionelle Arbeit beginnt
Im Sommer wurden auf dieser Basis erste Werbematerialien erstellt und beispielsweise beim Wehringhauser Stadtteilfest und der „Nacht der langen Tische“ verteilt. Gleichzeitig wurde ich, Jan Eckhoff, als Redakteur ins Boot geholt. Meine schon lange bestehende Facebookseite „Hagen-Wehringhausen“ wurde zur Informationsplattform für das Projekt.
Im Herbst 2017 begannen dann die Arbeiten an der Internetseite, für die ich meine Domain „wehringhausen.org“ und bestehende Serverinfrastruktur zur Verfügung stellte. Es gab auch mehrfache Versuche, den Inhaber der ungenutzten und ins Leere laufenden Domain „wehringhausen.de“ von einer Zusammenarbeit zu überzeugen, dieser zeigte allerdings leider kein Interesse.
Während „a design collective“ an der Gestaltung und Umsetzung der Internetseite arbeiteten, versucht ich, die inhaltlichen Vorstellungen aus dem Projektantrag umzusetzen – was jedoch leichter gesagt als getan war. Viele der von den Projektverantwortlichen angedachten Kooperationspartner:innen reagierten nicht, kaum oder sehr eingeschränkt auf Anfragen. Die meisten Gewerbetreibenden und Vereine stellten keine oder nur sehr eingeschränkte Infos für das Adressverzeichnis zur Verfügung. Nur wenige Vereine, Kultureinrichtungen und Kirchengemeinden lieferten Termine für den Kalender. Die einhellige Antwort war meist entweder ein Verweis auf die eigenen Programmhefte oder ein lapidares: „Wir teilen das doch auf Facebook …“ Auch viele Künstler:innen, die im Vorfeld eine Beteiligung zugesagt hatten, lieferten schließlich nicht die versprochenen Inhalte für die Internetseite. Angedachte Kooperationen etwa mit dem Quartiersmanagement kamen trotz vielfacher Rückfragen nicht zustande.
Wen interessiert das denn eigentlich?
„a design collective“ und ich versuchten mehrfach, die Werbetrommel für die Internetseite im Stadtteil zu rühren, stellten diese beim Format „5/8 für Hagen“ vor, es erschienen Presseberichte, die Facebookseite hatte eine relativ hohe Reichweite. Die Reaktion bei den Händler:innen und Vereinen blieb verhalten – vielfach fehlte diesen einfach die Zeit, ein Internetportal mit Informationen zu versorgen. Mir hingegen standen nur sehr begrenzte Arbeitsstunden im Rahmen des Projektes zur Verfügung. Sämtliche Infos selbst zu besorgen hatte schon sehr bald alle Mittel, die eigentlich für eine längerfristige Betreuung geplant waren, „aufgefressen“.
Mit Ablauf des geförderten Projektzeitraums stagnierte das Projekt zu Beginn des Jahres 2018. Von Seiten des Kulturzentrum Pelmke e.V. bestand weder Interesse noch die personelle oder finanzielle Möglichkeit, die Internetseite weiter zu betreiben. Und auch bei den Projektverantwortlichen von „a design collective“ sah man sich nicht in einer weiteren Verantwortlichkeit, das Projekt ohne entsprechende Honorarzahlungen fortzuführen.
Und so stand ich dann plötzlich da mit einer fertigen Internetseite unter einer mir gehörenden, von mir bezahlten Domain auf einem von mir finanzierten Server und hatte zwei Möglichkeiten: 1. ich schalte das jetzt einfach alles ab und freue mich drüber, dass ich ein paar Monate lang ein kleines Honorar bekommen habe – oder 2.: Ich versuche im Alleingang das Projekt fortzusetzen und werfe nicht einfach ein halbes Jahr Arbeit und eine beträchtliche Summer Steuergelder einfach in den Müll.
Und dann kam das Magazin …
Klar war Möglichkeit 2 die einzige Alternative. Nun war ich allerdings zu dieser Zeit noch als festangestellter Redakteur bei einem Zeitungsverlag beschäftigt, erst vor wenigen Monaten Vater geworden und arbeitete in Elternteilzeit. Weshalb alles sehr langsam voranging, nur hier und da veröffentlichte ich auf der Seite vereinzelt kleine Artikel und Meldungen aus dem Stadtteil.
Richtig Fahrt nahm das Projekt erst wieder im Spätsommer 2018 auf. Ich hatte gerade meine Festanstellung gekündigt, da wurde am 8. September die Bachelorarbeit der Kommunikationsdesignerin Natalie Potulski veröffentlicht: Unter dem Titel „089magazin wehringhausen“ hatte sie eine Zeitschrift für das Viertel gestaltet und von dieser 2.500 Exemplare drucken lassen. Unterstützt wurde sie dabei von dem Wehringhauser „Urgestein“, Aktivisten und Künstler Michael Vollmer.
Und nur wenige Tage nach dieser Veröffentlichung kamen Natalie und Michael auf mich zu. Sie würden das Magazin gerne fortführen und seien auf der Suche nach journalistischer Unterstützung – insbesondere um eine „Stadtteilredaktion“ zu Gründen und zu betreuen. Auf einen entsprechenden Aufruf im gedruckten ersten Heft hin hatten sich viele interessierte Menschen aus Wehringhausen gemeldet.
Die Nummern Zwei und Drei
Bereits im Oktober 2018 begannen mit einer im weiteren Kreis rund 20 Personen umfassenden Stadtteilredaktion die Arbeiten an einer zweiten gedruckten Ausgabe des 089magazin, die schließlich am 22. März 2019 veröffentlicht wurde. Michael Vollmer übernahm die Rolle des Herausgebers und Verlegers, Natalie kümmerte sich um Design und Layout während bei mir die inhaltlichen Fäden zusammenliefen. Die Finanzierung wurde einerseits aus Mitteln der „Sozialen Stadt“ und andererseits aus vielen Kleinstbeiträgen von Gewerbetreibenden aus dem Viertel ermöglicht.
Es stand für uns außer Frage, dass wir nun sofort an einer dritten Ausgabe weiterarbeiten würden. Allerdings war ebenso klar, dass weder die gesamte finanzielle Last noch die immense organisatorische Arbeit erneut von uns alleine bewältigt werden konnte. Zu unserem Glück war auch der „Hagener Heimatbund e.V.“, ein großer Archiv- und Geschichtsverein, auf unser Projekt aufmerksam geworden und erklärte sich bereit, das Magazin bzw. dessen Redaktion als „Arbeitsgruppe“ des Vereins fortzuführen und dem Projekt einen institutionellen Überbau zu schaffen. Auch wurden neue Kontakte ermöglicht, etwa konnten Michael Vollmer und ich das Magazin beim „Westfalentag“ im September 2019 in der Henrichshütte in Hattingen vorstellen. Die Arbeiten am dritten 089magazin begannen bereits im Sommer 2019, das Heft wurde schließlich am 14. Dezember der Öffentlichkeit vorgestellt.
Auch online passiert was
In den vergangenen Monaten hatte ich mit vielen Menschen aus dem Umfeld des Magazins auch über die Internetseite wehringhausen.org diskutiert und es zeigte sich, dass zwar überall die Existenz eines Stadtteilportals oder zumindest eines journalistischen Blogs hoch geschätzt wurde – die Möglichkeiten zur regelmäßigen aktiven Mitwirkung jedoch eher gering ausfielen. Auch wurde vielfach – und das nicht erst jetzt – das ursprüngliche Design der Seite als zu „sperrig“ und wenig „nutzer:innenfreundlich“ beschrieben. Viele Funktionen war vielleicht aus Sicht der Designer konzeptionell gelungen – erfüllten aber bei den Rezipient:innen durch die schwer verständliche Zugänglichkeit kaum die gewünschten Zwecke.
Ich nahm mir viele Gespräche zu Herzen und begann ab Jahresbeginn 2020 mit einer kontinuierlichen redaktionellen Arbeit an der Seite, deren Kernstück ein fortan wöchentlich verschickter Newsletter war. Zeitgleich starteten wir im Januar 2020 mit den Planungen für die vierte Ausgabe des 089magazin, die im Juni erscheinen sollte. Natalie und ich besuchten unsere die Druckerei in Wuppertal, schmiedeten Pläne, das Heft künftig komplett umweltfreundlich zu produzieren und suchten nach Verstärkung im grafischen Bereich. Die Stadtteilredaktion hatte bereits reichlich Themen gefunden, es lief gut und vielversprechend an.
Schicksalsschläge
Doch dann kam Corona. Und im Zuge der beginnenden Pandemie mussten Natalie, Michael und ich im März nicht nur sämtliche Redaktionstreffen absagen – auch waren wir gezwungen, das Magazin auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Denn es war nun einfach nicht mehr möglich, Interviews zu führen. Veranstaltungen, über die berichtet werden sollten, fanden nicht mehr statt. Die wirtschaftlich ungewissen Zukunft bei den Gewerbetreibenden im Viertel lies auch die Aussicht auf eine Kostendeckung durch Sponsoring dahinschmelzen.
Am 15. Mai 2020 musste das 089magazin dann einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen: Unser Freund, Herausgeber und Förderer Michael Vollmer verstarb für uns alle unerwartet nach kurzer, schwerer Krankheit. Natalie und ich beschlossen jedoch sehr schnell, dass wir – bestimmt auch im Sinne von Michael – das Projekt weiterführen müssen. Eine vierte Ausgabe des Magazins wurde nun für November angepeilt.
Preisgekrönt geht es weiter
Ich hatte mich bereits seit März mehr und mehr der Internetseite wehringhausen.org gewidmet, baute diese innerhalb weniger Monate zu einem ernsthaften hyperlokalen journalistischen Angebot aus, für das ich schließlich im Juni 2020 sogar mit einer Förderung durch die „Independent Media Academy“ in Berlin ausgezeichnet wurde. Ein Teil dieser Förderung war eine intensive Beratung zur strategischen Ausrichtung – und aus dieser wurde klar, dass es nicht nur einen einprägsameren Namen als „wehringhausen.org“ geben müssen, sondern das möglichst Magazin und Website auch deutlich enger miteinander verzahnt werden sollten.
Im Juli 2020 begab ich mich daher in eine mehrwöchige Sommerpause, um an einem gründlichen Redesign zu arbeiten.
Wird fortgesetzt …
Jan Eckhoff, 20. Juli 2020